Die Poserin

Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende der LINKEN, tauchte vor drei Wochen auf einem sehr überraschenden Foto auf. Für das L-Mag (ein Lesbenmagazin) posierte sie mit einem hochgereckten L – für Lesbe. Dass sie lesbisch ist, ist nicht bekannt. Von der „queeren Community“ sprach sie bisher als „ihr“. Doch wie uns der Beitragstext wissen ließ, möchte sie mit dieser Geste „das Ringen um lesbische Sichtbarkeit“ „unterstützen“.

Wie das geht, wenn sie nicht lesbisch ist, bleibt offen. Doch etwas anderes verwunderte stärker. Niemand, der im Bereich aktiv ist oder Reichinneks Arbeit beobachtet, hatte von ihr bis dahin jemals ein Wort zum Thema lesbischer Sichtbarkeit gehört. Auch nicht, obwohl sie sich seit Jahren als eine der prominentesten Feministinnen der Linkspartei inszeniert. Genauso wenig erreichte sie Kritik an gegenwärtigen Themen wie dem Selbstbestimmungsgesetz, gegen das lesbische Frauen Sturm gelaufen sind. Sie klebte sich stattdessen einen Schnurrbart an und machte sich in einem Onlinevideo über Bedenken lustig – mit der erklärtermaßen heterosexuellen damaligen queerpolitischen Sprecherin der Fraktion Kathrin Vogler, die für sie am meisten „Ahnung hat“. Aber das Thema Vergewaltigungskultur gegen lesbische Frauen, das die lesbische Opposition gegen das SBGG motiviert, kam in diesem Video ohnehin nicht einmal vor, denn anscheinend hielt man es nicht für relevant.

Das alles hinderte sie nicht daran, für die Kamera zur Lesben-Aktivistin zu mutieren. In Wirklichkeit verbildlicht wohl nichts ihren Politikstil so gut wie dieses Foto. Sachliche Arbeit, die ein solches Statement gerechtfertigt hätte, oder echten Einsatz für lesbische Frauen gab es bei ihr nie. Auch für Anliegen oder Kritik zu ihrer Politik ist sie nicht unbedingt besonders gut erreichbar. E-Mails oder Nachrichten werden dann schon einmal gar nicht oder eher kratzbürstig beantwortet, was auch nicht anders war, als sie die Position der Frauenbeauftragten ihrer Fraktion bekleidete. Mit Videos und Reden im Bundestag zu Fragen der Frauenpolitik, in denen sie Positionen aufgab, die gerade wenig beliebt in der liberalen Tiktok-Blase sind, stieß sie mehrfach frühere Mitstreiter vor den Kopf. Denn Reichinneks Methode besteht hauptsächlich aus beliebten Hashtags und Parolen, die sie öffentlichkeitswirksam vor den Kameras vertritt. Unterfüttert von fachlicher Kompetenz, handfestem Engagement oder ehrlichen Prinzipien ist es nicht. Karriere, Klicks und Posen gehen vor.

Auf dem gestrigen CSD in Leipzig war Reichinnek wieder präsent, schließlich waren auch Kameras vor Ort. Auf eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit den Konflikten innerhalb der als queer bezeichneten Bevölkerung oder innerhalb der heterosexuell dominierten Frauenbewegung – oder der Frage, inwieweit Heterosexuelle auf CSD-Paraden überhaupt anwesend sein sollten und die Sichtbarkeit Homosexueller damit nicht gerade wieder untergraben wird – wird man hingegen wohl lange warten können. Bis dahin kann das öffentliche Posen als Mitkämpferin von Lesben als eine Respektlosigkeit bezeichnet werden, die sich gewaschen hat.