Catherine, Princess of Wales: Zu hässlich fürs Museum?

Vor genau zwölf Jahren gab es in Großbritannien einen öffentlichen Eklat, der den Ruf eines Kunstwerkes bis heute beschädigt hat. Ein Jahr nach ihrer Hochzeit mit dem damaligen Sohn des britischen Thronfolgers Prinz William wurde Kate Middleton, die mittlerweile den Titel „Princess of Wales“ trägt, offiziell porträtiert (hier ist die fotografische Reproduktion zu sehen). Den Maler suchte die studierte Kunsthistorikerin selbst aus und war nach der Abnahme voll lobender Worte. Doch das Ölgemälde löste nach seiner Enthüllung einen Sturm der Entrüstung aus.

Der Shitstorm richtete sich nicht nur gegen das Werk, sondern auch gegen dessen Künstler Paul Emsley und nahm solche Ausmaße an, dass dieser verstört berichtete, seine ganze Familie inklusive seiner Kinder habe unter der Welle gelitten.

Was war passiert? Ausgestellt wird das Werk in der National Portrait Gallery in London. Doch dort dürften es die wenigsten derjenigen gesehen haben, die sich, meistens online, darüber ausließen. Wie für Gemälde üblich wurde eine fotografische Reproduktion angefertigt und in den Zeitungen verbreitet.

Solche Fotografien haben es an sich, dass sie dem Original vor allem farblich nur bedingt näherkommen. Bei vielen Reproduktionen ist dies ein Problem und auch Emsley selbst wies darauf hin. Professionell arbeitende Kunsthistoriker sichten deshalb normalerweise vor ihrer Arbeit das Original. Tatsächlich zeigen Pressefotos aus dem Museum, die anzusehen zu empfehlen sind, um ein Gefühl für das wirkliche Aussehen des Bildes zu bekommen, deutlich natürlichere Gesichtszüge. Der Künstler selbst war vom Gegenwind, den er für das Porträt bekam, so geschockt, dass er verweigerte, eine zweite Version des Porträts, die er in seinem Atelier habe, fotografieren zu lassen.

Doch es ging in dem Backlash nicht nur um das fahl aussehende Gesicht der offiziellen Fotografie. Vor allem störten der Gesichtsausdruck und die Proportionen. „Der Maler hat ihr zehn Jahre hinzugefügt, fünfzehn Kilo Gewicht, und sie in einen Mann verwandelt“, bringt den Ton der Reaktionen auf den Punkt.

Kurz gesagt: die Frau auf dem Bild sei zu hässlich. Vermutlich war sie einigen nicht glamourös genug. Auf dieser Grundlage wurde das Werk geradezu verrissen.

Es gibt jedoch Gründe, dies möglicherweise ganz anders zu sehen. Vielleicht sogar ist das Porträt recht interessant. Es kann als glaubwürdig gelten, dass das Bild, das vor der öffentlichen Ausstellung durch Kate abgenommen wurde, ihr tatsächlich gut gefallen hat und ihr Lob nicht einfach Höflichkeit war. Denn die Frage, ob eine Fotografie mit schlechter Farbwiedergabe zur Beurteilung herangezogen werden sollte, ist das eine. Noch eine andere Frage ist, ob die Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Ideen von Schönheit zur Bewertung eines Kunstwerks taugt.

Dabei zeigt das Werk zwar wenig Pomp, aber eine normschöne, gesund und jung wirkende Frau, wie die Pressefotos aus der Galerie zeigen. Ihr Haar ist voll und gesund, ihre Haut ist glatt und faltenfrei, sie ist gut geschminkt und schlank. Dies ist sicher kein Zufall — Catherine ist als Frau des (damals zukünftigen) britischen Thronfolgers eine der repräsentativsten Persönlichkeiten des Königreichs, und bei einem offiziellen Porträt kann davon ausgegangen werden, dass bedacht gewählt wird, wie sie darauf aussieht.

Und gerade diese Tatsache sollte nachdenken lassen. Denn die trotzdem auffallend schlichte, zurückhaltende Darstellung ist tatsächlich bemerkenswert. Eine Angehörige der britischen Königsfamilie, schon damals mit Aussichten auf den Platz an der Seite des zukünftigen Regenten, wird hier ganz ohne Standesdünkel nahbar, persönlich und fast bescheiden porträtiert. Das offene Haar, das freundliche, schüchterne Lächeln, die schlichte Bluse sind nicht nur unüblich für den öffentlichen Auftritt einer Frau der Oberschicht oder einer staatlichen Repräsentantin. Ganz besonders auffallend sind sie im Fall einer Frau ihres Ranges, die eine enorme mediale Präsenz und vielfältige öffentliche Darstellungsmöglichkeiten ihrer Person hat.

Kate zeigt sich hier privat, bodenständig und natürlich in ihrer Ausstrahlung. Sie setzt sich mit diesem Porträt über die Erwartungen an ihre Person, als Frau das dekorative Statussymbol eines Wichtigeren zu sein, hinweg und nutzt die Gelegenheit, um sich Raum für ihre Persönlichkeit und ihre eigenen Wünsche zu nehmen. Das Werk zeigt eine trotz ihres jungen Alters (damals 31) ernsthafte, nachdenkliche, aber selbstbewusste Frau, die so gar nicht überheblich ist. Angesichts der Umstände ihres Lebens und des heftigen Drucks auf ihr öffentliches Auftreten, in das die Konflikte um Harry und Megan Einblicke gegeben haben, ist das Porträt ein berührendes Zeugnis von Menschlichkeit und Entschlossenheit, trotz all dessen Individualität und Persönliches zum Ausdruck zu bringen.

Man kann darin auch geschicktes Marketing sehen. Die von zweifelhaftem Erbe und Steuergeldern lebenden britischen Royals, die außer ihres Hollywood-Effekts keinen Nutzen für die britische Bevölkerung haben, sind auf gesellschaftliche Akzeptanz für die Aufrechterhaltung ihres luxuriösen Millionärslebens notwendigerweise angewiesen. Und sicherlich ist Marketing ein Aspekt des Gemäldes. Doch dieses Porträt geht weit über einen solchen Zweck hinaus. Es besitzt einen künstlerischen Wert, der in der interessanten Darstellung einer komplexen Persönlichkeit im Spannungsfeld zwischen Privatheit, öffentlicher Rolle und Erwartungen an weibliche Repräsentanten der Monarchie besteht. Und in dieser Hinsicht ist es ein Lehrstück in Bezug auf das, was Feministinnen schon oft aufgezeigt haben: sind Frauen in der Kunst vertreten, sind sie oft nicht Künstler, sondern Dargestellte — und als solche sollen sie bitte schön aussehen.

In diesem Fall kam diese Erwartung weniger vom Künstler, der ihr Aussehen normschön idealisierte, aber dieses nicht in den Vordergrund stellte und sein Modell als Persönlichkeit ernst nahm. Sondern vom Publikum, das eine faszinierende Darstellung der Persönlichkeit einer Frau verriss, weil sie ihm nicht hübsch genug war. Ob das den Ansprüchen an die Bewertung künstlerischer Arbeit genügt, lässt sich diskutieren. Sicher aber reproduzierte diese Reaktion die Reduktion der Frau auf ein Dekorationsobjekt. Dem selbstbewussten Versuch der Dargestellten, sich eben diesem zu entziehen, wurde keine Chance gegeben. Bei der nächsten Betrachtung eines Frauenporträts sollte das vielleicht im Hinterkopf behalten werden.