Schumachers Coming-out: Die Ex-Frau als Abfall

Im Juli erregte der ehemalige Rennfahrer Ralf Schumacher großes Medieninteresse, als er sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Das Brisante daran: er war dreizehn Jahre lang öffentlichkeitswirksam mit einer Frau verheiratet. Schon während dieser Ehe flammten immer wieder so penetrante Gerüchte über seine Homosexualität auf, dass sich beide Ehepartner mehrfach genötigt sahen, in Interviews Stellung zu beziehen und diese zurückzuweisen.

Lange nach dem Ende dieser Ehe hat Schumacher seine Homosexualität angenommen und nun öffentlich gemacht. Die Reaktionen auf Schumachers Coming-out waren überwältigend gut. Doch so wichtig dieser Schritt für Schumacher und für die Akzeptanz insbesondere männlicher Homosexueller im Sport ist, so problematisch ist die Geschichte dieser Verleugnung für die zweite Hauptfigur darin: seine Ex-Frau Cora.

Wie sie nun in einer längeren Reportage im Spiegel darlegt, empfand sie die Ehe zu Schumacher schon sehr früh als belastend. Sie beschreibt, wie sie ihr gesamtes Leben aufgegeben habe, nur um in einer Art „goldenem Käfig“ von der Teilnahme am Leben abgeschnitten zu werden. Sie erzählt, wie sie von seinem damaligen Manager, der eine Vergangenheit im Rotlichtmilieu hat, zu einem öffentlichen Bild der sexuell verfügbaren Blondine gedrängt worden sei, das sie angenommen habe, weil die Komplimente für ihr Äußeres damals das Einzige gewesen seien, was ihr Selbstwertgefühl gegeben habe. Spätestens nach der Geburt ihres Kindes sei sie zunehmend vereinsamt, habe sehr viel Zeit alleine zuhause verbracht, nicht gewusst, was sie mit diesem Leben anfangen solle, während ihr Mann Karriere machte.

Später fand sie heraus, dass er sie elf Jahre lang betrogen haben soll. Die Ehe scheiterte, es folgte ein Rosenkrieg vor Gericht. Das Verhältnis war zerrüttet. Cora Schumacher sagt, in all dieser Zeit von der Homosexualität ihres Mannes nichts gewusst zu haben. Habe sie ihn darauf angesprochen, habe er dies abgestritten. Sie erzählt sogar etwas, das klingt, als habe Schumacher ihre Wahrnehmung bezweifelt und pathologisiert, sodass sie schwerwiegend an sich selbst zu zweifeln begann; etwas, das als manipulatives Verhalten einzustufen ist und als Gaslighting bezeichnet wird.

Nach dem Ende der Ehe, die Cora Schumacher berühmt gemacht hatte, ihr Leben aber sehr stark fremdbestimmte, scheint sie eine Sinnsuche begonnen zu haben. Sie trat in zahlreichen Reality-Shows auf, betrieb kurz ein OnlyFans-Profil. Um sich psychisch aufzufangen, weil die Bestätigung für ihr Aussehen das Einzige sei, das ihr früher Kraft gegeben habe, wie sie dem Spiegel sagt. Sie sprach immer wieder über ihre Ehe, die sie nicht losgelassen zu haben scheint und die ihr Leben aus der Spur brachte.

Nun erfuhr sie, gemäß ihrer eigenen Darstellung, erst aus den Medien von Ralf Schumachers Coming-out. Er habe sie vorher nicht kontaktiert, weder wegen seiner Homosexualität, noch wegen seines Planes, diese öffentlich zu machen. Das Posting auf Instagram, das so viele Menschen enthusiastisch feierten, traf sie wie ein Schlag.

Der Spiegel-Reportage ist zu entnehmen, wie sehr diese Ereignisse Cora Schumacher belastet haben müssen. Sie wird als während des Gesprächs immer wieder bitter weinend beschrieben. Sie gibt zu verstehen, wie sehr sie sich eine Versöhnung mit ihrem Ex-Partner wünsche und macht deutlich, dass sie dessen Beziehungsglück nicht im Wege stehe. Auf der anderen Seite beschreibt sie, wie sehr sie sich benutzt fühle, wie schmerzhaft jedes Fehlen einer Aussprache zu ihrer Ehe und seiner Homosexualität sei, wie schlimm es sei, dies erst aus den Medien zu erfahren, wie sehr die boshaften Kommentare in sozialen Medien darüber, dass sie ihn nicht öffentlich beglückwünscht hat, sie träfen.

Denn Cora Schumacher erlebt nun ein weiteres Mal einen Kontrollverlust über ihr öffentliches Bild und ihre Situation. Als medienwirksam inszenierte Frau eines Sportstars erfuhr sie diese Art der Ausbeutung bereits während ihrer Ehe, inklusive sexualisierter Erniedrigung zum Pin-up-Girl. Sie erfuhr und erfährt auch das eklatante Machtungleichgewicht zwischen ihr und ihrem (Ex-) Mann, dessen Team offensichtlich nicht nur ihr öffentliches Bild, sondern ihr gesamtes Leben bestimmte, oder das, was davon in einer Rolle als Hausfrau und Foto-Dekoration übrigblieb. Selbst nach ihrer Ehe bekam sie immer wieder Post von Schumachers Anwälten, wenn sie über Details ihrer Ehe sprach, die diesem nicht gefielen.

Doch der Höhepunkt dieser Machtschere ist erst jetzt zu sehen. Während Ralf Schumacher sein Glück endlich gefunden hat, bleibt für Cora Schumacher nur ein zerstörtes Leben übrig. Sie fühle sich um die besten Jahre ihres Lebens betrogen, sagt sie. Es ist offensichtlich, dass die für sie vorgesehene Rolle als Rennfahrerfrau viele Brücken in ihrem Leben, die ihr Halt gegeben hatten, abbrach und ihr keine Perspektive geben konnte. Dies wirkte auch nach dieser Beziehung fort. Die resultierende Entwurzelung scheint sie bis heute nicht überwunden zu haben.

Auch die Beziehung zu ihrem gemeinsamen Sohn habe mittlerweile sehr gelitten, sie beschreibt sie als entfremdet. Im Spiegel-Interview drückt sie Hoffnung darüber aus, dass er irgendwann Verständnis für den Schmerz auf ihrer Seite der Geschehnisse aufbringen könne. Dies ist sinnbildlich für das, was in dieser Geschichte geschehen ist: eine Frau als Spielfigur, die für die Bedürfnisse mächtiger Männer verwendet wird, ohne auf ihre Wünsche, ihre Gefühle und ihr Glück Rücksicht zu nehmen, und die weggeworfen wird, wenn man sie nicht mehr braucht. Ihre Seite der Geschichte zählt in dieser nicht. Das fehlende öffentliche Interesse an ihren Gefühlen nach dem Coming-out ihres Ex-Mannes ist bezeichnend dafür.

Ralf Schumachers Leben ist bezeichnend für die Homophobie, die unsere Gesellschaft und insbesondere die männerdominierten Bereiche wie den Motorsport auszeichnet. Dass es unter diesen Umständen extrem schwierig ist, die eigene Homosexualität zu erkennen und sie auch öffentlich bekannt zu machen, ist verständlich. Schumachers heterosexuelle Ehe ist kein Einzelfall unter Lesben und Schwulen, wobei eine heterosexuelle Vorgeschichte unter Lesben wegen der stärkeren Unsichtbarkeit weiblicher Homosexualität und der weiblichen Sozialisierung mit dem Fokus, Männern zu gefallen und diesen den relevantesten Platz im Leben einzuräumen, wahrscheinlich noch häufiger vorkommt.

In dem Sinne ist Schumacher kein Vorwurf zu machen, die Beziehung eingegangen und jahrelang aufrechterhalten zu haben. Doch die Art, wie diese Cora Schumachers Leben entwurzelte und fremdbestimmte, seines Sinns beraubte und sie sexualisierte, ist exemplarisch für patriarchale Strukturen männlicher Macht über Frauen, die diese ihren Interessen völlig unterordnen und sie ausbeuten. Die Erfahrungen, die Cora Schumacher gemacht hat, erinnern frappierend an die Schicksale, die Spielerfrauen im Profifußball treffen können. Correctiv veröffentlichte vor knapp zwei Jahren eine verstörende Recherche über frauenfeindliche Machtstrukturen, in die Frauen geraten, die Beziehungen mit erfolgreichen Fußballspielern eingehen. Eine Frau hat dies möglicherweise das Leben gekostet.

Ebenso verwerflich ist die öffentliche Dynamik des Coming-outs, die Cora Schumachers Seite völlig ignoriert. Denn wie sie selbst sagt, ist sie als frühere Partnerin ein wichtiger Teil dieser Geschichte, die sie in gleichem Ausmaß betrifft. Ralf Schumachers Verantwortung beginnt spätestens damit, sie in die Tatsache seiner Homosexualität einzuweihen, bevor er mit dieser an die Öffentlichkeit tritt und seine frühere Frau damit zu einer Nebenrolle degradiert. Dass er dies laut Aussage Cora Schumachers nicht getan haben soll, ist respektlos und übergriffig. Ihr Schmerz über diese Erfahrung ist nachvollziehbar.

Schumachers Worte über ihre Situation sind verstörend. Sie beschreibt sich nun als „übrig gebliebene Hausfrau. Mutter ohne Kind. Ich weiß nicht, was ich mit meinem Leben anstellen soll. Ich habe eigentlich die Hoffnung für ein privates Glück aufgegeben.“

Es bleibt zu hoffen, dass sie Kraft und Hoffnung für ein endlich selbstbestimmtes Leben schöpfen und diesen Abschnitt ihres Lebens hinter sich lassen kann. Ebenso gebührt ihrer Sichtweise und ihren Gefühlen dieselbe öffentliche Aufmerksamkeit und Anteilnahme, die ihr früherer Partner erfahren hat. Denn es ist inakzeptabel, dass das Leben einer Frau auf diese Weise zur Lebensgestaltung eines Mannes missbraucht und weggeworfen wird, sobald es ihr im Wege steht.

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