Im Juni war Pride Month und auch im Juli finden vielerorts noch Pride-Veranstaltungen statt. Am Wochenende: der Kölner CSD und das Lesbisch-schwule Stadtfest in Berlin.
Diese Veranstaltungen fielen neben einer spürbaren öffentlichen Zurschaustellung männlicher Sexualfetische vor allem durch etwas auf, das nicht da war: lesbische Sichtbarkeit. Auf dem Lesbisch-schwulen Stadtfest beispielsweise dominierten nicht nur im Publikum schwule Männer, sondern auch unter den Ständen die Angebote für homosexuelle Männer deutlich.
Dies ist Ausdruck einer wohl schon immer bestehenden männlichen Dominanz innerhalb der Homosexuellen-Bewegung, die zeigt, dass das Geschlecht oft eine zuverlässigere Determinante ist als andere soziale Merkmale — da, wo Männer und Frauen auch marginalisierter Gruppen zusammenkommen, werden diese männlich dominiert. Die Infrastruktur für lesbische Frauen auszubauen ist in dem Sinne eine Aufgabe, die langfristig Bestand haben wird.
Doch waren lesbische Stände und lesbisches Publikum nicht nur quantitativ in der Unterzahl. Vor allem fiel auf, dass die lesbischen Stände nicht lesbisch sein durften — im Gegensatz zu den schwulen Angeboten, die sich dezidiert an Schwule richteten, ohne Zusätze, Sternchen oder irgendwelche Buchstaben. Bei den eigentlich lesbischen Ständen jedoch wurde die Zielgruppe der Frauen relativiert durch Zusätze, die weiblich identifizierte Männer einschlossen.
Auf den immerhin sechs Bühnen spiegelte sich dasselbe Problem. Es gab keine einzige lesbische Bühne, dafür aber war die dafür wohl mal angedachte erweitert um „trans*“ — wer damit genau gemeint war, bleibt offen. Das Bühnenprogramm immerhin wurde überwiegend von lesbischen Frauen gestaltet, auch wenn es mit meist musikalischen Beiträgen recht unpolitisch war, ein Merkmal, das sich durch das ganze Stadtfest zog. Weshalb aber kann diesen Lesben nicht die Betitelung gewidmet sein?
So ergab sich das Bild einer praktischen Inexistenz dezidiert lesbischer Sichtbarkeit, stattdessen wurden der Öffentlichkeit überwiegend männliche, teils fetischistische Realitäten als Abbild von Homosexuellen präsentiert. Insbesondere die starke Präsenz fetischistischer Männer (vor allem Puppy Play) kann auch vor dem Hintergrund sexueller Übergriffigkeit gegenüber Besuchern und Besucherinnen, die nicht in die Sexualität Fremder einbezogen werden möchten, diskutiert werden. Ebenso ist nicht zu erwarten, dass das öffentliche Bild Homosexueller angemessen beeinflusst wird, wenn dieses von der Zelebrierung männlicher Fetische dominiert wird. Nicht nur hat dies mit lesbischer Sexualität nichts zu tun und behindert deren Sichtbarkeit, sondern insbesondere mit Blick auf die jahrzehntelange Stigmatisierung Homosexueller als pervers könnte diese dazu beitragen, diese wieder zu verstärken. Emma-Redakteurin Annika Ross kritisierte im Juni ähnliches.
Die Diskussion, wie Homosexualität nach außen präsentiert werden soll und auch, welche Rolle Lesben dabei spielen dürfen, wird die Homosexuellen-Bewegung weiter führen müssen. Die Aufgabe Linker wäre es, Lesben dabei zu unterstützen, zu ihrem Recht auf Selbstvertretung zu kommen. Im Moment geht die Gesellschaftspolitik beispielsweise der LINKEN ins Gegenteil. Dies zeigte sich an ihrem Stand, der am Sonntag ausschließlich von Männern besetzt gewesen ist; ob er in der Gesamtzeit überhaupt von Frauen betreut wurde, ist unklar. Ebenso muss die Diskussion geführt werden, was die lesbisch-schwulen Anliegen sind: traditionelle Forderungen wieder aufnehmen und um Akzeptanz auf Augenhöhe und einen Platz in der Mehrheitsgesellschaft kämpfen, oder sich in der Rolle als Exoten, Fetischisten und Sonderlinge öffentlich zelebrieren, die vom Moralverständnis der Mehrheit dezidiert abweicht und auf dieser Grundlage tatsächlich eher um Toleranz bitten denn auf Akzeptanz auf Augenhöhe pochen kann? Wenn unter dem Label „queer“ jeder verstanden wird, der in irgendeiner Weise von der heterosexuellen Mehrheit abweicht, und sei es durch einen Fetisch, werden dadurch auch Homosexuelle primär durch Abweichung vom Normalen, als etwas Seltsames definiert werden (tatsächlich ist dies die Bedeutung des Wortes „queer“, das eigentlich eine homophobe Beleidigung ist). Ob dies der Realität gerecht wird und der gesellschaftlichen Stellung homosexueller Männer und Frauen einen Gefallen tut, kann diskutiert werden.
Schade, dass Organisationen wie die LGB Alliance oder lesbisch-feministische Initiativen dieses Jahr nicht vertreten waren. Sie hätten das Fest nicht nur politisiert, sondern auch den Anspruch bekräftigt, dass lesbische Frauen eine eigene Vertretung benötigen und ihre Sichtbarkeit verbessert.
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