Die Debatte um die Frage, ob Frauen sich ästhetischen Trends unterwerfen sollten, nimmt in feministischen Kreisen wieder Fahrt auf. In der aktuellen Emma erschien ein Artikel, der den Trend langer künstlicher Fingernägel kritisch unter die Lupe nahm und mit einem eindeutigen Urteil endete: sie seien ein ästhetischer Standard, der Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit beeinträchtige.
Ende letzten Jahres ging eine Kontroverse durch die Medien und sozialen Netzwerke, als Sophie Passmann bekannte, Botoxbehandlungen in Anspruch zu nehmen und dies in einen feministischen Kontext setzte.
Der Beitrag auf zeit.de basiert auf ihrem damals kurz vor der Veröffentlichung stehenden Buch „Pick Me Girls“, das er mit einer kalkulierten Provokation wohl auch bewerben sollte. Passmann erzählt darin, wie sie seit ihrer Jugend unter Selbsthass und der Angst, aus der Sicht von Männern hässlich zu sein, gelitten habe — Themen weiblicher Psychologie und Lebenserfahrung junger Frauen, die sie zu ihrer Marke machte.
Dieser individuelle Ansatz bringt Aspekte patriarchaler Kultur in das Licht öffentlicher Debatte, die alle Frauen betreffen, aber entweder als so normal oder so peinlich verstanden werden, dass sie oft nicht politisch diskutiert werden. Durch die Verbindung ihrer psychischen Belastungen mit dem Frausein in einer patriarchalen Welt agiert Passmann auf dem Boden der Erkenntnis, dass das Private politisch ist — eine Errungenschaft, die auf die Zweite Welle der Frauenbewegung zurückgeht.
Sie schreibt in ihrem Beitrag, irgendwann damit angefangen zu haben, Schönheitseingriffe wie Filler und Botox vornehmen zu lassen. Sie schreibt dies offensichtlich vor dem Hintergrund, viel Kritik dafür erhalten zu haben, vielleicht sogar selbst einen inneren Konflikt darüber zu erleben — denn der Text ist von einer durchgehend defensiven Haltung geprägt, die insbesondere die Omnipräsenz äußerlicher, männlich definierter Maßstäbe an die Körper von Frauen betont und die Abwertung und Selbstabwertung, die daraus oft resultieren.
Ihre Kritik scheint sich demzufolge vor allem auf den Umgang mit diesen Frauen zu konzentrieren, wenn sie sich dem beugen. Sicher hat Passmann Recht mit der Feststellung einer Doppelmoral, von Frauen erst ein bestimmtes Äußeres zu erwarten, und sie dann zu kritisieren, wenn sie etwas dafür tun (denn diesen Erwartungen wird durch ein natürliches Äußeres ohne Zutun meist eher nicht entsprochen). Sie vermutet auch eine frauenfeindliche Erwartungshaltung, dass Frauen „entweder schön oder klug“ seien — worauf sie die Überraschung und Kritik zurückführt, die sie erhalten habe, nachdem sie selbst Eingriffe durchführen ließ, denn von einer Literatin wie ihr werde erwartet, nicht schön sein zu können oder zu wollen.
Nachdem sie diese Erwartungen als sexistisch entlarvt und Frauen, die etwas für ihr Äußeres tun, damit entlastet hat, bleibt zwar auch noch Kritik am Schönheitsdruck oder männlich geprägten Normen selbst. Doch eine Antwort darauf findet Passmann nicht. So wie viele ihrer Beiträge ist auch dieser geprägt von Soulsearching und der Anklage einer brutalen Welt, die die Seele vieler junger Frauen schwer beschädigt, und dass dies in der öffentlichen Debatte Raum erfährt, ist wichtig. Doch Passmann endet mit der resignierten Feststellung, ob Make-up oder Botox, sei kein großer Unterschied — und wollte eine Frau die Unannehmlichkeiten des Alltags umgehen, käme sie um eine Optimierung ihres Körpers für den Male Gaze nicht herum.
Interessant ist jedoch, ob die von ihr identifizierten sexistischen Vorurteile der (einzige) Grund für die Ablehnung waren, mit der sie zu tun hatte, nachdem sie ihre Eingriffe öffentlich machte. Vermutlich haben sie auch etwas damit zu tun, dass Passmann als Feministin gilt. Und feministische Haltungen haben den bis ins Gefährliche gehenden Schönheitsdruck (Botox ist immer noch ein hochgradig tödliches Nervengift, das vor dem Verkauf in jeder Charge an Mäusen auf die Letalität getestet wird, damit es nicht zu Überdosierungen kommt) immer kritisiert.
Nicht wegen der Handlungen der Frau. Für die Erwartungen der Gesellschaft kann keine Frau etwas, und diesen entsprechen zu wollen, ist nichts, was man ihr vorwerfen kann. Ob sie dies tut oder nicht, ändert ohnehin nichts daran, ob es diese Erwartungen gibt. Eine Kritik am Verhalten von Frauen, die ästhetischen Standards entsprechen wollen, wie es der Emma-Artikel tat, kann deshalb kaum überzeugend als feministisch gelabelt werden. Vielmehr müssen die toxischen Normen ins Visier genommen werden, die Frauen dazu bringen, sich mitunter selbst zu schaden.
Hier hört Passmann bei einer Feststellung auf, diese seien nicht gut für ihre Gesundheit. Wie diese überwunden werden können, oder dass sie es überhaupt müssten, kommt in ihrem Beitrag nicht vor, ein Problem, das typisch für den Liberalfeminismus ist, den Passmann vertritt. Er untersucht die Ursachen der beschriebenen Probleme nicht und findet deshalb keine Lösung; seine Grenze ist bei Lifestyle- und Verhaltensänderungen von Individuen erreicht. In diesem Fall weitet sich dieses Phänomen bis zum Zynismus aus. Denn ihre Antwort lautet deshalb: Eingriffe sind Selbstfürsorge, um der Abwertung von Frauen zu entgehen, die nicht als schön genug gelten. Hiermit jedoch verlässt sie im Endeffekt den feministischen Horizont.
Eine Welt, in der Frauen, um von Männern wahrgenommen zu werden, ungesunde bis gefährliche Eingriffe (und hier ist in dem Sinne durchaus ein Unterschied zwischen Make-up und Botox oder OPs vorhanden) vornehmen lassen, ist keine, die der Feminismus mittragen kann. Er ist angetreten, um diese Welt zu ändern. Die Kritik an den heuchlerischen Vorwürfen an solche Frauen muss deshalb weitergespannt werden zu einer, die die Ursachen der Objektifizierung von Frauen als Resultat der Machtausübung von Männern über weibliche Reproduktion in den Blick nimmt und ihr den Kampf ansagt.
Der Schönheitsdruck, wie wir ihn kennen, muss beendet werden. Er zerstört in der Seele und dem Körper von Frauen viel zu viel. Keiner ist es vorzuwerfen, wenn sie sich dem nicht völlig verschließt. Aber der Feminismus muss dafür kämpfen, die Grundlagen dieser Maschinerie aus den Angeln zu heben. Nicht dafür, Frauen zu sagen, sie könnten eh nichts tun.
