Die Linke hat die Frauen verraten. Gerade deshalb brauchen wir einen linken 8. März

Vor drei Jahren plädierte Alice Schwarzer in der Emma mit einigem medialem Echo dafür, den Frauentag am 08. März abzuschaffen. Ihre Begründung: er würde eh nur genutzt, um entweder durch symbolische Blumen- und Parfümgeschenke oder leere Versprechen der Politiker die Frauen zu vertrösten, anstatt an ihrer Gleichstellung wirklich zu arbeiten.

Zudem sei der Tag eine linke Erfindung. Er geht tatsächlich auf einen Streik von Textilarbeiterinnen zurück; Clara Zetkin und Käte Duncker machten daraus 1910 einen Welttag. In der DDR wurde der Frauentag jedes Jahr feierlich begangen. Dass die Frauen trotzdem weder in der Politik noch im Privatleben gleichgestellt waren, bekümmerte das Regime ebenso wenig wie die Linken im Westen, die Frauen einfach ignorierten.

Anlässlich des Frauentags in diesem Jahr holte die Redaktion der Emma Schwarzers Text wieder hoch. Zeit für eine Antwort (gerade von links): Schwarzer hat recht.

Trotzdem brauchen wir den Frauentag. Vor allem brauchen wir ihn als linken Tag.

In der Tat wurde der Frauentag, seit er im Westen etabliert ist, zu einer Gelegenheit bürgerlicher Politiker oder gesellschaftlicher Institutionen, Veränderung durch Schmeicheleien zu ersetzen. Angesichts der Lage von Frauen in unserer Gesellschaft ist dies ein schmerzhafter Schlag ins Gesicht und entspricht einer Zweckentfremdung durch eben jene, um die es an diesem Tag nicht gehen sollte, denn der Frauentag war bei seiner Erfindung durch Sozialistinnen gedacht als Kampftag, an dem Frauen für eine Veränderung ihrer Situation kämpfen und auf ihre Forderungen aufmerksam machen sollten.

Eigentlich war er aber schon in seiner linken Frühzeit paradox. Denn zwar waren die Frauen wie Zetkin, die ihn einführten, ausgewiesene Frauenpolitikerinnen, was Schwarzer unterschlägt. Es gab durchaus eine echte sozialistische Frauenrechtsbewegung.

Doch es stimmt. Die Linke war immer männerdominiert und unzweifelhaft die Vertretung männlich-proletarischer Interessen, die Frauenanliegen in eine Sackgasse leitete, weil sie sich ihrer in Wahrheit nicht annehmen wollte. Jede Behauptung einer Frauenbefreiung durch Sozialismus blieb Phrase. Jede Analyse der Geschlechterverhältnisse zeigt, dass die Unterdrückung der Frau nicht von alleine aufhören wird und auch nicht durch den Sozialismus erkämpft werden wird. Sie steht auf materiellen Füßen, hat in Form geschlechtlicher Arbeitsteilung viele Wirtschaftsformen überlebt und wird sich auch im Sozialismus fortsetzen, wenn Frauen diesen nicht erzwingen so zu gestalten, dass die Kontrolle der Männer über die Reproduktion ein Ende hat. Auch Männer der Arbeitnehmerklasse profitieren von der kollektiven männlichen Unterdrückung der Frauen; sie sind es sogar, die maßgeblich weibliche Arbeitskraft im Häuslichen ausbeuten und unterdrücken, Gewalt ausüben und ihre Verfügung über Frauen genießen. Die Männer in jedem durchschnittlichen Puff sind sicher keine Millionäre. Die Linke, die Frauen verspricht, durch gemeinsame Abschaffung des Kapitalismus ihre Unterdrückung zu beenden, verhindert aktiv weibliche Selbstorganisierung, verrät deren Befreiung und ist effektiv antifeministisch.

Die Zweite Welle der Frauenbewegung entstand tatsächlich maßgeblich aus Protest gegen diese patriarchale Verfasstheit. Die Frauen in westlichen Gesellschaften haben dieser Bewegung große Fortschritte bei der Verbesserung ihrer Lage und des Bewusstseins ihrer Rechte zu verdanken.

Es geschafft, die patriarchale Konstituierung der Linken aufzubrechen, hat sie aber nicht. Die Linke ist und bleibt eine Männerbewegung, für die — auch ein Resultat der Zweiten Welle — das Bekenntnis zur Frauenbefreiung zwar jetzt dazugehört, diese aber weder in das Programm eingearbeitet wurde noch seine Implikationen irgendwo praktisch umgesetzt werden.

Doch der Feminismus hängt von einem linken Programm ab. Er braucht ein Programm, das den Kapitalismus auch ökonomisch angreift. Die Falle der reinen Geschlechterlupe, die viele Feministinnen anwenden, führt dazu, zwar die Widersprüche zwischen Männern und Frauen und das sich darin ausdrückende Ausbeutungsverhältnis klar zu sehen (immerhin etwas, das sie Linken voraus haben). Aber die ökonomischen Interessenunterschiede zwischen Frauen verschiedener Klassen und Schichten werden dadurch übersehen. So werden manche Feministinnen zu einer Art Gegenteil der patriarchalen Linken: sie kritisieren zwar glaubwürdig die Unterdrückung der Frauen, aber nicht die kapitalistische Wirtschaft, die dieser Unterdrückung ihre historische Form gibt.

Man kann deshalb argumentieren, dass mit der Überwindung des Patriarchats auch der Kapitalismus abgeschafft wird. Schwer wird es jedoch bei der Überlegung, wie dies ohne ein Programm geschehen soll, das die Fallstricke der Kooperation mit Frauen, deren ökonomisches Interesse vielleicht die Verbesserung ihres Standes gegenüber Männern vorsieht, aber am Ende keine Systemkritik, umgeht. Ebenso ist der Gedanke, dass ein so tiefgreifendes Programm wie das der Abschaffung mehrerer Tausend Jahre geschlechtlicher Vorherrschaft schwere Auseinandersetzungen mit sich bringt, Teil der Wahrheit.

Die Mehrheit der Frauen gehört zur Arbeitnehmerklasse. Dies bestimmt ihre Lage im kapitalistischen System ebenso sehr wie die Zugehörigkeit zu ihrem Geschlecht. Ein Feminismus, der gewinnen will, muss diese Frauen und ihre (häusliche und berufliche) Arbeit als Fundament des patriarchalen Kapitalismus ansprechen, ökonomische Perspektiven für sie entwickeln und Verbündete für diejenigen Stellen einer Veränderung suchen, die welche anbieten. Er muss ausloten, an welchen Punkten und unter welchen Bedingungen (!) die Linke als Katalysator der ökonomischen Systemkritik der arbeitenden Männer in Frage kommt, ein Bündnis einzugehen.

Für die Erarbeitung eines Feminismus, der diese Verbindung leisten kann und damit wirklich praxisfähig wird, ebenso wie für den Angriff auf einen bürgerlichen Frauentag, der Frauen nur Phrasen bietet oder Blumen schenkt, und für den Angriff auf einen linken Frauentag, der eigentlich Symbol der patriarchalen Verfassung der Linken selbst ist, brauchen wir einen 08. März. Er muss die Verquickung von Linke und Patriarchat klar artikulieren und einstehen für einen Feminismus, der die brauchbaren Elemente linker Kapitalismuskritik für sich nutzbar macht, um die systematische Verhinderung einer echten Frauenbewegung durch die Linke ebenso aufzubrechen wie die patriarchale Gesellschaftsstruktur.

Holen wir uns diesen Tag zurück und beginnen wir die Arbeit. Es gibt viel zu tun, und an dieser Arbeit führt kein Weg vorbei, sondern nur einer hindurch.