Warum Literatur weiblicher Autoren kaum zur Hochliteratur zählt

Rezension von Nicole Seiferts „Frauen Literatur“

Bereits vor drei Jahren legte Nicole Seifert mit „Frauen Literatur“ ein vielbeachtetes Sachbuch zur Situation von Frauen verfasster Literatur vor. Tatsächlich hat dieses Buch einiges in Gang gebracht: neben der Rezeption durch fast alle relevanten Medien bekam Seifert im Rowohlt-Verlag eine eigene Reihe, in der sie seit Herbst 2023 vergessene Werke weiblicher Autoren neu herausgibt.

Seiferts faktenreiches, aber auch sehr persönliches Buch beginnt mit ihrer Feststellung, dass der Kanon des für lesens- und rezipierenswert Gehaltenen fast ausschließlich aus von Männern verfassten Werken bestand und besteht — und zwar über mehrere Jahrhunderte. Nicht nur ihre persönliche Leseliste, auch die Pflichtlektüre in der Schule, in den Seminaren der Universität, die von Kritikern und Medien rezipierten Werke und schließlich die Sieger der zahlreichen Buchpreise werden zu zwei Dritteln bis neun Zehnteln von Männern geschrieben, wie zahlreiche Hinweise auf Stichproben, Experimente, Zählungen und Studien zeigen.

Mythen

Eine verbreitete Erklärung hierzu lautet, Frauen hätten eben, gerade in früheren Jahrhunderten, nicht ausreichend viele Bücher geschrieben. Ein wichtiges Verdienst von Seiferts Buch ist, dass sie dies als Mythos entlarvt. Frauen haben schon immer Bücher geschrieben, wenn auch unter deutlich erschwerten Bedingungen (oft heimlich, nachts, mit verstellter Handschrift, usw.).

Weshalb aber werden diese nicht kanonisiert? Eine weitere verbreitete und, wie Seiferts Buch zeigt, auch von hochrangigen Funktionären des literarischen Betriebs vertretene Meinung lautet, die Literatur von Frauen sei einfach nicht gut genug, um mit der von Männern verfassten Hochliteratur mitzuhalten.

Dass dies nicht stimmt, beweist Seifert nicht. Sie überantwortet dem Leser hier einen Vertrauensvorschuss. Doch sie legt glasklar dar, welche Mechanismen zum Ausschluss aus dem Kanon führen, wenn ein Werk von einer Frau verfasst wurde, die nahelegen, dass es hier keinesfalls um die Qualität gehen kann. Durch den Verweis auf Beispiele, bei denen Bewerbungen ohne Hinweis auf das Geschlecht des Autors oder mit einem männlichen Pseudonym eingereicht wurden, und die zu einer deutlich erhöhten, teils drastisch überproportionalen Akzeptanz weiblicher Werke führten, verdeutlicht sie dies. Sie identifiziert vor allem zwei Punkte: erstens die Abwertung weiblicher Themen und zweitens die Abwertung weiblicher Autoren durch eine vollkommen von Männern dominierte Kritik und Wissenschaft.

Wie Ausschluss aus dem Mainstream funktioniert

Die von ihr befundene Abwertung weiblicher Themen beinhaltet eine weitere interessante Feststellung. Seifert schreibt, dass von Frauen verfasste Literatur stilistisch, also in Formfragen nicht pauschal anders sei als die von Männern geschriebene. Doch die Sujets seien verschieden. Zwar gebe es von manchen Autorinnen den Versuch, männliche Perspektiven, Wertungen und Themen zu übernehmen, um der Etikettierung als „Frauenautorin“ zu entgehen. (Dies klappe normalerweise nicht, da die Kritik diesen Frauen ihre Themen, wie Krieg, dann nicht abnehme.) Doch unterm Strich sei erkennbar, dass Frauen andere Themen als Männer hätten. Seifert nennt insbesondere Einsamkeit, Eingeschlossensein, Begrenztwerden und Isolation genauso wie sie darauf hinweist, dass weibliche Literatur bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihre Protagonistinnen diese Erfahrungen im Haus machen lässt. Sie erklärt sich das durchaus nachvollziehbar durch die spezifische weibliche Sozialisation und Lebensrealität, die Frauen des Bürgertums, zu dem Autorinnen normalerweise zählen, in den Bereich des Häuslichen verweist.

Doch die von Autorinnen thematisierten Erfahrungen zählten der männlichen Kritik nicht als literarisch würdig. Seifert arbeitet gut auf, wie weibliche Themen immer wieder als uninteressant, trivial oder nicht intellektuell genug betitelt wurden und nach wie vor werden.

Geradezu empörend ist ihre Darstellung, wie solche Abwertungen von Männern auch auf die Person der Autorin selbst ausgeweitet werden. Sie zeigt, dass Frauen, die Literatur verfassen, immer wieder damit rechnen mussten und müssen, dass sie als dumm, unfähig und untalentiert angegriffen werden — teilweise vor Publikum. Auch die Reduzierung von Autorinnen auf ihr Äußeres in Rezensionen weist sie anhand einiger aktueller Beispiele nach.

Werke weiblicher Autoren zählten Seifert zufolge den im literarischen Betrieb tätigen Männern als zu trivial, gemessen wurde historisch oft anhand der Übereinstimmung der Biografie der Autorin mit den an sie gestellten Erwartungen — dadurch seien die meisten von Frauen verfassten Werke nie kanonisiert, schnell nicht mehr aufgelegt und damit verdrängt worden. Dass ähnliche Mechanismen noch heute wirken, zeigt sie aufschlussreich anhand zahlreicher Beispiele aus dem Literaturbetrieb, in dem Seifert selbst seit langer Zeit tätig ist.

Seifert beschreibt viel, aber erklärt wenig

Was das mit gesellschaftlichen Strukturen konkret zu tun hat, führt Seifert nicht aus. Hier liegt die größte Schwäche des Buches. Die Autorin nutzt zwar eine Menge queerfeministischer und postkolonialer Buzzwords, um sich um eine reflektierte, diskriminierungsfreie und politisch korrekte Ausstrahlung zu bemühen sowie zu demonstrieren, dass sie unterdrückerische Strukturen nicht reproduzieren wolle.

Mit einer echten Gesellschaftsanalyse verknüpft sie diese Schlagwörter aber leider nicht. Tatsächlich bleibt das Buch in dieser Hinsicht sehr oberflächlich und durch die zahlreichen Gendersternchen und andere nicht rechtschreibkonforme Schreibweisen bisweilen irritierend zu lesen. In Wahrheit ist dieser Aspekt sogar so wenig durchdacht, dass Seifert den mit ihren eingestreuten Bemerkungen unterstützten Theorien, die letztlich die Existenz von Geschlechtsidentitäten über die biologische Geschlechtlichkeit stellen, mit dem Kern des Buches selbst widerspricht — der durchaus guten Beobachtung, dass Frauen aufgrund der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die ihnen einen Platz im Haushalt zuweist, sowohl andere literarische Sujets haben als Männer als auch durch verschiedene Mechanismen aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen werden sollen. Hier spricht Seifert, vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein, natürlich von Frauen als Menschen mit der weiblichen reproduktiven Anlage, Kinder bekommen zu können — worauf die Zuweisung ihrer gesellschaftlichen Rolle basiert. Meinte sie stattdessen Menschen mit weiblicher Geschlechtsidentität, machte die gesamte 170-seitige Ausführung keinen Sinn mehr.

Auch beschränkt sich Seifert auf die Beschreibung der Lebenswirklichkeit adliger oder bürgerlicher Frauen, die sie stillschweigend als Norm voraussetzt — dass Arbeiterfrauen im 19. und 20. Jahrhundert oft zusätzlich zur Hausarbeit Lohnarbeit verrichtet haben, hierdurch doppelt ausgebeutet und belastet wurden und sicherlich weder Zeit noch Energie für literarische Produktion aufbringen konnten (geschweige denn die hierzu nötige Bildung hatten) erwähnt sie gar nicht erst. Der inklusive, reflektierte Anspruch des Buches wird hierdurch ein wenig konterkariert.

Der fehlenden Analyse entsprechend kann Seifert auch keine wirklich überzeugenden Antworten auf die Frage geben, wie der Literaturbetrieb hin zu einem fairen Verhältnis männlicher und weiblicher Autoren verändert werden kann. Sie appelliert an die Universitäten, Kultusministerien und Verlage — durchaus zu recht, allerdings dünn begründet (es läuft auf das Argument der „Diversität“ hinaus, das wenig Zugkraft haben dürfte, sobald der momentane Dreh um dieses Wort wieder vorbei ist). Am Ende weiß die Autorin nur mit einem Aufruf (auch an die Leser) zu schließen, aufmerksamer und offener zu werden, der Gerechtigkeit zuliebe. Sicher ist hieran nichts falsch. Doch als Handlungsstrategie ist es wohl ziemlich hilflos.

Systemkritik fehlt

Naheliegender wäre hier eine Kritik an den dem Buchmarkt wie der ganzen Gesellschaft zugrundeliegenden Prinzipien des patriarchalen Kapitalismus, der auf der Ausbeutung weiblicher Arbeit in der Berufswelt, aber vor allem im Haushalt basiert — der Ausschluss der Frau aus der Öffentlichkeit liegt in der Ausnutzung ihrer Arbeit in der Familie begründet, die, genauso wie ihr Körper und ihre Sexualität, dort von einem Mann angeeignet wird. Dieses kollektive System ist die Ursache für die Erwartungen an Frauen, sich von Politik und anderen als männlich beschriebenen Bereichen fernzuhalten, und sich als trivial betrachteter Bereiche wie emotionaler Fürsorge und anderer zur Sorgearbeit gehörender Dinge anzunehmen.

Durchbricht eine Frau diese Erwartungen und stellt sich auf Augenhöhe neben im öffentlichen Bereich tätige Männer, stellt sie nicht nur das für Männer so selbstverständliche und komfortable System der Arbeitsteilung in Frage, sondern bedroht diese dadurch auch noch in ihrem Stolz, ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Deutungshoheit und nicht zuletzt ihren Karrierechancen. Wie Seifert aufzeigt, reagieren diese Männer auf solche Frauen mit einer Mischung aus Wut und Verachtung, um sie aus diesem Bereich wieder herauszubekommen. Soll dieses Phänomen langfristig beseitigt werden, dann muss über eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion gesprochen werden, also der Art, wer die Arbeitskraft insbesondere der Frauen kontrolliert und wie Familien organisiert sind — eine Ermächtigung von Frauen hin zur Selbstbestimmung über ihre Fortpflanzung und ihre Arbeit im häuslichen Bereich wäre hier notwendig.

Das Fehlen einer Systemkritik in Seiferts Buch zeigt sich auch darin, dass sie die marktwirtschaftlichen Aspekte des Literaturbetriebs allenfalls streift. Die Monopoltendenzen im Verlagswesen haben in den letzten Jahrzehnten zu einer Verengung der künstlerischen Bandbreite geführt. Inwieweit dies die von Frauen produzierte Literatur betrifft, müsste untersucht werden.

Trotz dieser Schwächen liegt hier ein lesenswertes und gut recherchiertes Buch vor, das den großen Verdienst aufweist, die überfällige Debatte um den Ausschluss von Frauen aus dem literarischen Betrieb und damit aus einer wesentlichen Plattform, die über den Blick auf die Gesellschaft und ihre Debatten bestimmt, sowie aus dem kulturellen Gedächtnis weitergebracht zu haben. Allen, die sich einen Überblick über die Situation von Frauen verfasster Literatur und deren Spezifika sowie die Tragbarkeit bestimmter Vorurteile machen wollen, sei es zur Lektüre empfohlen. Ebenso regt das Buch zur Befassung mit weiblicher Literatur an — zahlreiche Besprechungen und Kontextualisierungen erweitern das Blickfeld um eine Ahnung, welcher enorme geistige Horizont verpasst wird, wird diese nicht gelesen.