180-Grad-Wende in der größten linken Partei Großbritanniens zum Thema Frauenrechte
In einem grundlegenden Kurswechsel hat der Vorsitzende der Labour Party und britische Oppositionsführer Keir Starmer in einem Interview konstatiert, dass eine Frau eine erwachsene Person weiblichen Geschlechts ist („a woman is an adult female, so let’s clear that one up.“). Dieses Eingeständnis kann als 180-Grad-Wende der wichtigsten britischen Oppositionspartei und stärksten linken Kraft im Vereinigten Königreich gewertet werden, die in den letzten Jahren stark durch die akademische Queerpolitik beeinflusst war.
Starmer, der seit 2020 Vorsitzender ist, wollte sich in der Vergangenheit nicht klar zu dieser Frage äußern. Er beschwichtigte damit die queertheoretische Bewegung, deren Hauptanliegen seit einigen Jahren die Verschiebung der politischen Definition der Frau weg vom biologischen Begriff ist und damit großen Druck auf die veröffentlichte Meinung ausübte. Nach einer längeren Phase des Versuchs eines Ausgleichs, in der Starmer Antworten wie „99,9% der Frauen“ hätten keinen Penis gab, war die Notwendigkeit politisch tragbarer Begriffe offensichtlich zu groß geworden.
Einer der Gründe dürfte die Tatsache sein, dass gerade in jüngerer Vergangenheit die Unfähigkeit der Labour Party, den Begriff „Frau“ überhaupt zu definieren, eine willkommene Angriffsfläche für die konservativen Tories bot. So trivial diese Frage klingen mag, so weitreichend ist die damit verbundene Grundaussage: Frauen werden durch ihr biologisches Geschlecht von Männern unterschieden, auf welchem die Jahrtausende alte Unterdrückung der Frau in der Klassengesellschaft fußt. Diesen Umstand wegzudefinieren und durch pseudosoziologische Konzepte zu ersetzen, nach denen das eigene Geschlecht frei wählbar oder zumindest innerlich begründet sei, untergräbt die Grundlage der Stärkung weiblicher Rechte.
Frauenschutzräume sind in unserer Gesellschaft notwendig und sollten nicht für jede Person geöffnet werden, die sich allein per Sprechakt als Frau deklariert. Besonders dramatisch zeigte dies im Vereinigten Königreich das Beispiel Adam Grahams, einem verurteilten Vergewaltiger aus Schottland, der sich unter dem Namen Isla Bryson zeitweilig Zugang zu einem Frauengefängnis verschafft hatte. Dies wurde mindestens begünstigt durch die Gender Recognition Reform Bill, die auf Betreiben der linksliberalen SNP unter Nicola Sturgeon verabschiedet wurde. Das Gesetz wurde jedoch von der konservativen Londoner Regierung Rishi Sunaks vorerst gestoppt.
Ein derart massiver Angriff auf die schottische Autonomie hätte unter anderen Umständen zu massiven Unruhen geführt – so jedoch konnten sich die Tories auf die Fahne schreiben, die Rechte von Frauen zu schützen und ernteten teilweise sogar bei schottischen Separatistinnen Zuspruch. Sturgeon gefährdete mit ihrem Vorhaben nicht nur die schottischen Frauen, sie schädigte auch die maßgeblich von ihr vertretene schottische Unabhängigkeitsbewegung sowie die gesamte Linke im Vereinigten Königreich. Dass biologisch männliche Sexualstraftäter wie Graham/Bryson in Frauenräumen untergebracht werden können, ist keinem vernünftigen Mensch vermittelbar. Die Kritik hieran den Konservativen zu überlassen, ist politisch nicht nachvollziehbar und verantwortungslos. Starmer dürfte bei seiner Feststellung auch diesen Fall im Hinterkopf gehabt haben.
Der Richtungswechsel der Labour Party ist, wie Starmers frühere Äußerungen zeigen, nicht in reiner Überzeugung begründet. Die Bereitwilligkeit, mit der politische Führer Frauenrechte über Bord werfen, wenn es ihnen politisch opportun erscheint, ist erschütternd. Doch die strategische Überlegung hinter Labours Kurswechsel ist tatsächlich sinnvoll. Der Großteil der Bevölkerung ist weder durch akademische Luftschlösser noch von einer sehr abstrakt begründeten Aufhebung geschlechtergetrennter Räume zu erreichen, die jeder Alltagserfahrung widerspricht, Durch die Arbeit kritischer Frauen wie des Netzwerks um die Labour Women’s Declaration und gesellschaftlichen Druck hat sich eine entscheidende Wendung in der britischen Sozialdemokratie ereignet. Für die britischen Frauen ergibt sich nun möglicherweise eine reale Alternative als Gegenpol zum konservativen ebenso wie zum linksliberalen queerfeministischen Chauvinismus. Wie die neue Labour-Politik im Einzelnen aussehen wird, bleibt allerdings abzuwarten.
In Deutschland bleibt es dringende Aufgabe, auf die verantwortungslosen Implikationen der Self-ID hinzuweisen und ihre Unterstützung einzustellen. Aufgabe der LINKEN ist es, eine tragfähige sowie gesellschaftlich vermittelbare Frauen- und Geschlechterpolitik umzusetzen. Möchte sie relevant und anschlussfähig bleiben, sollte sie einen Blick nach Großbritannien werfen — vielleicht auch auf das Schicksal Nicola Sturgeons.
Anlage

Eine Antwort zu „Labour Party wendet sich von Self-ID ab”.
[…] Keir Starmer, der damals noch nicht Premierminister, aber Chef der Labour Party war, öffentlich eingeräumt, dass die Definition einer Frau biologisch ist. In Deutschland waren wir sehr erleichtert, weil wir […]